Unterwegs mit Fremdem und Vertrautem

(Grusswort im Programmheft des DGTA-Kongresses 2013)

GrusswortHaltestelle Taubenloch. Ich verlasse den Bus und gehe die verbleibenden fünfhundert Meter meines Nachhausewegs zu Fuss. Ein intensiver Arbeitstag liegt hinter mir. Ich habe mich mit Menschen, ihren Geschichten und Ansichten auseinandergesetzt. Geschichten und Ansichten, die sich von meinen eigenen unterscheiden. Fremdes.

Noch dreihundert Meter. Ich sehe schon das Gebäude, welches mein Zuhause birgt. Ich kenne den Weg, ich kenne mein Zuhause. Ich weiss, was mich erwartet. Meine Familie, die wohlige Wärme unserer Wohnung, das gemeinsame Abendessen. Vertrautes.

Ich betrete den Innenhof unserer Siedlung. Im Gemeinschaftsraum ist Betrieb. Irgendein Fest vermutlich. Vielleicht ein Kindergeburtstag. Noch ein paar Schritte. Durch die Glastür sehe ich jetzt, wer sich im Gemeinschaftsraum befindet. Vielleicht ein dutzend Frauen, mit Tüchern verhüllt, verschleiert. Offenbar hat eine unserer moslemischen Nachbarinnen zu einem Frauenabend geladen. Ich sehe das zum ersten Mal, weiss nicht, was und wie die Frauen feiern. Fremdes.

Nun die Treppe hoch. Zweimal vierzehn Stufen. Ich habe sie mehrmals gezählt. Ich öffne die Wohnungstür und sehe als erstes meine jüngste Tochter. Ihr Gesicht strahlt, als sie mich sieht. Und mir tut dieses Strahlen gut. Ich bin zu Hause. Vertrautes.

Ob wir wollen oder nicht, wir werden in unserem Alltag mit Menschen und Situationen konfrontiert. Manche mögen vertraut sein, andere fremd. Vertrautes ist wichtig. Wie schön ist es, Zeiten mit Menschen zu verbringen, die uns nahe sind, die wir kennen. Hier können wir uns fallen lassen und auftanken. Und wozu brauchen wir das Fremde? Die Auseinandersetzung mit Leuten, die wir nicht kennen und die sich in ihrem Lebensstil, ihren Ansichten und Haltungen stark von uns unterscheiden, erweitert unseren Horizont,
unseren Bezugsrahmen. Und wir erhalten dabei Gelegenheit, uns selbst zu reflektieren.

Auch auf dem diesjährigen Kongress in Freiburg werden wir unterschiedlichen Menschen begegnen, in Workshops, in den Pausen, beim Essen. Ich wünsche uns allen viele bereichernde Begegnungen mit Menschen, mit vertrauten und mit fremden.

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