Nein, Mama

„Nein, Mama, ich habe keine Zeit.“ In seiner Stimme klingt wenig Überzeugung und kaum hat er den Satz in sein Mobiltelefon gesprochen, melden sich Stimmen in seinem Kopf. Du darfst doch deiner Mutter nicht widersprechen. Was meinst du eigentlich, wer du bist. Sie hat dich mit viel Liebe grossgezogen. Du bist undankbar. Und du bist schuld, wenn es ihr jetzt schlecht geht.

Seine Mutter schweigt, was die Wirkung der Stimmen zusätzlich verstärkt. Er weiss, wie ihr Gesicht nun aussieht. Gerunzelte Stirn, Augen, die tiefste Verachtung ausdrücken, und Lippen, die sich zu einem Schmollmund formieren. Er hat sich soeben zum ersten Mal in seinem Leben einem Wunsch seiner Mutter widersetzt. Bisher hat er ihre Forderungen immer erfüllt. Meist mit wenig Lust und viel Widerwillen, doch er hat ihr gehorcht. So wie er es schon als kleiner Junge getan hat.

Er hat keine Erinnerung an seinen Vater, der früh verstorben ist. Die Erinnerungen an Mutter sind dafür umso präsenter. Wollte er etwas, das ihr nicht in den Kram passte, bekam sie Kopfschmerzen oder ein anderes Leiden. Und sie verstand es, ihn spüren zu lassen, dass er der Auslöser ihrer Schmerzen war. Kein Kind will, dass seine Mutter leidet. Und kein Kind will Schuld daran sein. So lernte er früh, sein Leben nach den Wünschen seiner Mutter auszurichten.

Mit fünfundzwanzig zog er von zu Hause aus, weil er einen Job in Zürich gefunden hatte. Mutter gab ihre Einwilligung nur, weil er ihr versprochen hatte, sich täglich telefonisch bei ihr zu melden. Dieses Versprechen hat er bis heute eingehalten – während bald vier Jahren.

Nun verlangt sie, dass er mit ihr am Samstag Onkel Arthur besuchen gehen soll. Onkel Arthur ist Mutters älterer Bruder, der nach einer Darmoperation im Krankenhaus liegt. Keine Frage, er hätte diesen Besuch mit ihr gemacht, auch wenn er diesen Mann noch nie gemocht hat. Wäre da nicht Denise. Er hat sie vor einer Woche kennengelernt und sich zum Abendessen verabredet – für Samstag. Zum ersten Mal in seinem Leben ist er verliebt. Mindestens fühlt er etwas, das er bisher noch nie gefühlt hat und das er als Verliebtsein interpretiert.

Und jetzt sind da die Stimmen in seinem Kopf, die er nur zu gut kennt: Du darfst nicht… Du musst… Sein Herz kämpft dagegen an: Ich will… Leider hat er wenig Erfahrung im Umgang mit der Stimme seines Herzens. Es ist fraglich, ob sein Herz den verzweifelten Kampf gewinnen wird. Vielleicht. Und wenn nicht heute, dann ein andermal.

(Diese Kurzgeschichte aus meinem Buch „Herr Rusterholz mag keine Zwiebeln“ ist frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen ist rein zufällig.)

Hier klicken, um einen Kommentar zu schreiben

Schreibe einen Kommentar: