Ersatzgefühle

Gefühle gehören zum Leben. Gefühle sind wichtig. Doch viele Menschen haben den Umgang mit ihren urprünglichen Gefühlen verlernt und diese mit Ersatzgefühlen überlagert.

Grundgefühle

In der Transaktionsanalyse geht man meist von vier Grundgefühle aus: Wut, Trauer, Angst und Freude. Jedes dieser Gefühle hat einen Auslöser und eine Funktion. Bricht beispielsweise in unmittelbarer Nähe ein Feuer aus, dann ist Angst eine angemessenes Gefühl. Es gibt den Impuls, zu fliehen und Hilfe zu holen, indem man die Feuerwehr benachrichtigt. Grundgefühle lösen sich auf, wenn sie ihren Zweck erfüllt haben.

Neben den vier Grundgefühlen gibt es körperliche Empfindungen wie Schmerz, Hunger oder Müdigkeit, welche ich hier nicht zu Gefühlen im engeren Sinn zähle.

Gefühl Auslöser Funktion Zeitperspektive
Angst Bedrohung Schutz Zukunft
Wut Frustration Veränderung Gegenwart
Trauer Verlust Abschiednehmen,
Loslassen
Vergangenheit
Freude Erfüllung Gemeinschaft,
Lebensqualität
Gegenwart, Vergangenheit, Zukunft

Ersatz für verschmähte Gefühle

Ein Kind lernt früh, dass gewisse Gefühle in seinem Umfeld verpönt oder gar verboten sind. Die Erwachsenen äussern sich möglicherweise abfällig, wenn es dieses Gefühl zeigt. Es kann auch sein, dass in der Familie dieses Gefühl tabu ist. Und meistens fehlt dann auch ein Vorbild, wie ein entsprechendes Gefühl ausgedrückt werden kann.

Auf der anderen Seite gibt es Gefühle, für welche das Kind Anerkennung erntet. Verschmähte Gefühle werden nun durch erlaubte ersetzt. Das kann soweit, dass wir als Erwachsene in bestimmten Situationen nicht mehr das angemessene Grundgefühl wahrnehmen, sondern das Ersatzgefühl.

Ersatzgefühle können den Zweck des ursprünglichen Grundgefühls nicht erfüllen. Sie tragen nicht zur Bewältigung der jeweiligen Situation bei.

Die Bezeichnung “unechte Gefühle”, die manchmal für Ersatzgefühle verwendet wird, halte ich nicht für sinnvoll. Ersatzgefühle werden als “echt” erlebt, auch wenn sie nicht auf die entsprechende Situation abgestimmt sind.

Beispiele

Gudrun Henning und Georg Pelz beschreiben in ihrem Buch Transaktionsanalyse – Lehrbuch für Therapie und Beratung beispielhaft, wie das aussehen kann:

Ein Mann überdeckt Angst mit Aggression; dies lernen viele Jungen schon früh. Dies bewirkt z. B. beim Auto fahren einen aggressiven Fahrstil mit häufigen Rempeleien, da die Angst mit “Flucht”, also das Bremsen, nicht stattfindet, sondern “Kampf”, das Gas geben.

Ein weiteres Beispiel, das Leonhard Schlegel im Handwörterbuch der Transaktionsanalyse aufführt:

Die Mutter einer Patientin geriet immer wieder in Panik, wenn ihr Kind traurig war und stopfte ihm ein Stück Schokolade in den Mund mit den erregt ausgesprochenen Worten: “Nicht traurig sein!” Noch als Erwachsene begann die Patientin in entsprechenden Situationen unkontrolliert Süssigkeiten zu essen, statt das Gefühl der Traurigkeit in sich aufkommen zu lassen.

Die beiden Beispiele zeigen, dass Ersatzgefühle unterschiedlicher Art sein können. Im ersten Fall ist es aggressive Wut, im zweiten die Lust auf Süsses, welche ein Grundgefühl ersetzt.

Und jetzt?

Weshalb lohnt es sich, zwischen Grund- und Ersatzgefühlen zu unterscheiden?

Die langfristigen Folgen von nicht berücksichtigten Ursprungsgefühlen können körperliche Leiden (z. B. ein Magengeschwür) oder Überreaktionen (z. B. ein unangemessener Wutausbruch) sein. Doch das ist nicht der einzige Grund:

Das Leben wird reicher und unsere Persönlichkeit gestärkt, wenn wir Ersatzgefühle als solche erkennen und den Zugang zu den ursprünglichen Gefühlen wieder finden.

(Überarbeitete Version eines Beitrags, den ich am 10. März 2010 im damaligen TA-Blog veröffentlichte.)

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Lakowitz - 26. Oktober 2015 Reply

Wer lässt zu, dass es Ersatzgefühle geben muss ? Letzendlich wir alle, denn die Menschen haben sich so weit entwickelt, dass das tägliche Leben vorgeschrieben wird. Von koruppten Menschen, die die Wirtschaft beherrschen. Jeder muss sich anpassen um zu überleben, so gar die wenigen Naturvölker, die unter der Zerstörung der Natur leiden. Für die heutige Zeit finde ich das Gefühl der Existenzangst angemessen. Egal ob arm oder reich, die letzte Angst vor der Ewigkeit bleibt jedem. Wir leben also in einem Chaos der Verwirrtheit. Einmal die Angst, die das Leben mit sich bringt ( Hunger, Leid, Schmerz ) und die Angst vor dem Endgültigen. Beides führt zu Wut. Wut kann sich zu Hass entwickeln und Hass ist kein guter Begleiter , wenn man bedenkt, dass daraus Kriege geschürt werden. Wo bleibt der kleine Soldat an der Front, der hier mit der Angst des Überlebens und der Ewigkeit zu kämpfen hat. Aus den Gefühlen Angst , Wut, Trauer und Freude sollte für den Menschen was Nützliches entstehen. Angst als Erkennen von Gefahren, die das Leben bedrohen, Wut zum Erkennen von Fehlern, Trauer als Zeichen der Erkenntnis und Freude als Weitergabe der Zufriedenheit an alle.
Lieben Gruss sendet Jacqueline

    Jürg Bolliger - 26. Oktober 2015 Reply

    Vielen Dank für deine Ausführungen, Jacqueline. Das Thema Gefühle ist tatsächlich sehr komplex.
    Und es ist schön, dass wir jederzeit Veränderungen anstreben können, wenn uns in unserem Leben etwas stört, z.B. lernen authentische Gefühle zuzulassen anstatt Ersatzgefühle zu aktivieren.

    Lieber Gruss
    Jürg

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