Die Ich-Zustände eines Fussballers

Anlässlich der Fussball-WM 2010 habe ich mir Gedanken über Ich-Zustände und Fussball gemacht. Dabei ist der folgende Beitrag entstanden, den ich im Sommer 2010 im damaligen TA-Blog erstmals veröffentlicht habe. Auf Anregung von Bernd Taglieber habe ich den Teil des rebellischen Kind-Ichs angepasst.

Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika. Fussball ist das Thema in Wohnzimmern, in Zeitungen, in Supermärkten, am Stammtisch – und im TA-Blog. Allerdings folgen hier keine Spekulationen, wer weshalb Weltmeister wird. Ich richte meinen Fokus auf einen einzelnen Fussballer: Florian Bombardelli, ein fiktiver Verteidiger einer eher unbedeutenden Mannschaft. Florian ist kleingewachsen, aber schnell, eine der Stützen seiner Mannschaft. Und ganz besonders interessieren uns hier Florians Ich-Zustände. Also, es geht los. In wenigen Augenblicken beginnt das Spiel.

Angepasstes Kind-Ich

Kurz vor dem Spiel. Der Trainer steht vor Florian. Mit lauter, fester Stimme macht er ihn darauf aufmerksam, dass er seinen direkten Gegenspieler nicht an den Ball kommen lassen darf. Dieser Gegenspieler ist nicht irgendwer. Er ist einer der torgefährlichsten Stürmer der Welt. Florian fühlt sich klein – gegenüber des Trainers, der keine Widerrede duldet und gegenüber des grossgewachsenen Angreifers, der in jedem Spiel Tore schiesst. Florian blickt unsicher von unten zu seinem Trainer hoch und nickt. Dieser klopft ihm auf die Schulter und meint: “Du schaffst das schon.” Florian fühlt sich etwas besser. Immerhin traut ihm sein Trainer diese Aufgabe zu.

Rebellisches Kind-Ich

Anpfiff. Der erste Gegenangriff rollt. Florian jagd dem ballführenden Gegenspielers nach. Weil er schneller ist als sein Gegner, gelingt es Florian den Ball ins Aus zu schlagen. Doch was ist das? Der Schiedsrichter pfeift ein Foul. Florian kann es nicht fassen. Ein paar Schritte dann steht er vor dem Unparteiischen. Mit wutverzerrtem Gesicht und lauter Stimme gibt er diesem zu verstehen, dass er den Ball gespielt habe. Das alles nützt nichts. Der Entscheid wird nicht rückgängig gemacht. Es kommt zu einem Freistoss für das gegnerische Team. Glücklicherweise fliegt der Ball direkt in die Hände des Torwarts.

Kritisches Eltern-Ich

Minuten später greift das gegnerische Team wieder an. Diesmal auf der anderen Seite. Florians Mitspieler lässt die Gegner einfach passieren. Weshalb geht der nicht ran? Glücklicherweise fliegt der Ball am Tor vorbei. Florian schreit seinen Kollegen an: “Wir sind hier nicht in einem Ferienlager!” Dieselben Worte hat er von seinem Vater gehört. Dieser stand jeweils mit rotem Kopf am Spielfeldrand als Florian als kleiner Junge verträumt auf dem Rasen stand.

Freies Kind-Ich

Zweite Halbzeit. Florian ist mit dem Ball nach vorne gerannt. Zwischen Mittellinie und gegnerischem Strafraum spielt er einen Mitspieler an, der völlig frei steht. Dieser fackelt nicht lange und trifft ins Tor. TOOOOOOOOR! Nicht nur Florian freut sich. Die ganze Mannschaft ist ausser sich. Die Spieler umarmen sich, springen aufeinander, jubeln. Ausgelassen feiern sie den Treffer.

Fürsorgliches Eltern-Ich

Kurz vor Spielende. Der Schiedsrichter hat ein Foul gepfiffen. Freistoss. Einer der gegnerischen Spieler legt sich den Ball zurecht. Florian steht in der Mauer. Anlauf, Schuss. Der Ball fliegt über der Mauer Richtung Tor. Florian blickt zurück. Er sieht seinen Torwart, der springt und sich lang macht. Vergebens, unhaltbar. Es steht 1:1. Und kurz darauf pfeift der Unparteiische das Spiel ab. Florian geht auf den Torhüter zu. Er kennt ihn schon lange und weiss, wie ihm dieses Tor zu schaffen macht. “War nicht deine Schuld.” Florian findet keine weiteren Worte. Tröstend legt er seinem Freund den Arm auf die Schulter und begleitet ihn so in die Kabine.

Erwachsenen-Ich

Am Tag danach. Florian schaut sich die Videoaufzeichnung des Spiels an. Er analysiert die Szenen. Vieles hat er gut gemacht. In anderen Szenen hätte er anders reagieren können. Florian notiert sich einiges und schliesst dann dieses Spiel für sich ab und freut sich auf den nächsten Match.

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