Die 3P-Entwicklungsschnecke

Pat Crossman hat die Wichtigkeit der 3 P betont. Es geht dabei um drei Bedingungen für erfolgreiche psychotherapeutische Arbeit. Leonhard Schlegel bezeichnet die 3 P  als therapeutische Triade.

Die 3 P sind aufgrund meiner Erfahrungen nicht nur im therapeutischen Umfeld von Bedeutung. Auch im Bildungsbereich, in sozialen Berufen, für Führungskräfte oder schlicht überall dort, wo mit Menschen gearbeitet wird, lohnt es sich, darüber nachzudenken.

Die von Crossman geprägten Begriffe mit Schlegels Übersetzung sind:

  • Permission (Erlaubnis)
  • Protection (ermutigender Rückhalt)
  • Potency (Überzeugungskraft durch Autorität)

Um zu veranschaulichen, in welcher Form die 3 P ausserhalb des psychotherapeutischen Kontextes von Bedeutung sind, beschreibe ich, welche Rolle sie für mich haben, wenn ich Kurse für Stellensuchende leite.

Erlaubnisse (Permission)

Es ist mir wichtig, dass Kursteilnehmende die Erlaubnis haben, sich zu entwickeln. Dazu gehört, dass sie etwas ausprobieren und auch Fehler machen dürfen.

Oft werden Erlaubnisse durch Haltungen und Handlungen vermittelt, die für mich selbstverständlich sind. Ich erinnere mich an einen jungen Mann, der grosse Mühe damit hatte, sich in der Kursgruppe auszudrücken. Worte fielen ihm nicht ein und er begann zu stottern. Am Ende des Kurses hatte er immer noch Probleme damit, doch es ging schon viel besser. In der Schlussrunde sagte er:

„Bisher habe ich immer die Erfahrung gemacht, dass mir niemand zuhört, wenn ich etwas in einer Gruppe sage. Hier habe ich zum ersten Mal erfahren, dass ich etwas sagen kann und andere mir zuhören.“

Diese Aussage hat mich sehr berührt. Ich habe festgestellt, dass ich diesem Mann, ohne dass es mir bewusst war, die Erlaubnis gegeben habe, wichtig zu sein und sich mitteilen zu dürfen.

Ermutigender Rückhalt (Protection)

Oft gehen die Teilnehmer am Anfang davon aus, dass ich hauptsächlich dazu da bin, ihnen Wissen einzutrichtern und sie zu kontrollieren. Es ist wichtig, dass die Kursteilnehmer merken, dass es mir um sie und ihre Entwicklung geht.

Ich bin von Anfang an bestrebt, eine Atmosphäre des Vertrauens aufzubauen, die es ermöglicht, zu experimentieren. Dazu gehört das Recht, ein Kurselement nicht mitzumachen, das ich jeder Teilnehmerin und jedem Teilnehmer zugestehe.

Weitere bedeutungsvolle Themen sind Vertraulichkeit und Transparenz.

Überzeugungskraft durch Autorität (Potency)

In den Bereich der Potency gehören für mich fachliche Kompetenz, Verantwortungsbewusstsein und innere Sicherheit. Die Teilnehmenden sollen spüren, dass ich selbst von dem überzeugt bin, was ich im Kurs mache. Ich erzähle oft von Erfahrungen, die ich selbst gemacht habe, und von Beispielen früherer Kursteilnehmer. Diese Berichte stärken meine Überzeugungskraft.

Sehr wichtig ist auch, dass ich dazu stehe, wenn ich eine Frage (im Moment) nicht beantworten kann. Dadurch wird den Teilnehmern klar, dass dort wo ich Antworten gebe, diese auch fundiert sind.

Salopp bezeichnet könnte man sagen, dass ich als Kursleiter “über der Sache” stehen sollte. Damit meine ich nicht eine überhebliche Haltung. Jedoch verfüge ich nur über die nötige “Potency”, wenn ich nicht in die persönlichen Themen der Teilnehmenden involviert bin.

EntwicklungsschneckeDie Entwicklungsschnecke

Diese drei Bedingungen beeinflussen einander. Persönliche Entwicklung wird durch das Zusammenspiel dieser drei Faktoren gefördert. Ich spreche daher von der Entwicklungsschnecke.

Erlaubnis und Rückhalt zeigen wenig Wirkung, wenn die Überzeugungskraft fehlt. Durch Rückhalt und Überzeugungskraft ohne Erlaubnis werden Menschen nicht dazu ermutigt, Neues auszuprobieren. Überzeugungskraft und Erlaubnis können Angst bewirken, wenn der Rückhalt fehlt.

(Diesen Beitrag habe 2009 als Teil meiner schriftlichen CTA-Prüfungsarbeit verfasst und 2010 im damaligen TA-Blog erstmals veröffentlicht.)

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Sell-Michels - 20. April 2016 Reply

Vielen Dank für diesen Beitrag. Dadurch ist dieses Thema für mich viel klarer geworden!

    Jürg Bolliger - 21. April 2016 Reply

    Vielen Dank für die Rückmeldung. Ich freue mich, dass ich mit meinem Beitrag zu mehr Klarheit beigetragen habe.

    Lieber Gruss
    Jürg

Sven - 18. Oktober 2016 Reply

Danke für diesen wertvollen Beitrag, der mir die drei P und ihre Verknüpfung noch einmal näher gebracht hat. Die Triade ist ein schönes Bild, das sehr einprägsam ist. Ich denke, das vor allem das In-sich-ruhen (Potency) eine sehr stabilisierende Wirkung auf die weitere Entfaltung von Erlaubnissen und Rückhalt haben kann.

    Jürg Bolliger - 20. Oktober 2016 Reply

    Vielen Dank für die Rückmeldung, Sven.
    Ich sehe das auch so, dass die Potency sehr wichtig ist. Das In-sich-ruhen – wie du es sehr schön formulierst – vermittelt nach meiner Erfahrung tatsächlich sehr viel Stabillität.

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