Diana

Im Nachhinein ist mir klar: ich hätte mich niemals auf diese Frau einlassen dürfen. Doch ich habe es getan. Einmal mehr denke ich an diesen denkwürdigen Abend im Juni zurück. Und einmal mehr registriere ich, dass sich das Rad der Zeit nicht zurückdrehen lässt.

Wie oft bei schönem Wetter, machte ich auf dem Heimweg einen Abstecher ins Cécil am Guisanplatz. Ein Feierabendbier unter freiem Himmel – was gibt es Besseres, um einen anstrengenden Arbeitstag hinter sich zu lassen. Ich setzte mich draussen an einen freien Tisch, löste meine Krawatte und bestellte mein Bier. Zurückgelehnt mit ausgestreckten Beinen genoss ich die frühsommerliche Abendsonne. Als Vizedirektor der Kantonalbank von Bern verbringe ich meine Arbeitstage in einem klimatisierten Büro. Egal, ob Frühling, Sommer, Herbst oder Winter, die Temperatur ist immer gleich. Und genauso verlaufen auch die Tage. Keine Überraschungen, nichts Unvorhergesehenes. Immer gleich. Einige Ereignisse des Tages durchzogen meinen Kopf. Wie Tauben, die angeflogen kommen, kurz verweilen und dann weiterziehen. Sitzungen, Telefongespräche, Aktenstudium. Auch heute, keine Überraschungen, nichts Unvorhergesehenes. Das schien auch das Motto meines ganzen Lebens zu sein. Nicht, dass ich das gesucht oder geplant hätte, es hatte sich einfach so ergeben. Auch mein Privatleben war geprägt von Vorhersehbarkeit. Die Heirat mit Monica, die beiden Kinder, zuerst ein Mädchen, zwei Jahre später ein Junge. Eine typische Schweizer Familie.

„Darf ich mich hier setzen?“
Die Stimme einer schlanken Blondine, die jünger aussehen wollte, als sie war, unterbrach meine Gedankenreise. Leicht irritiert bejahte ich die Frage. Normalerweise fragt man in der Schweiz, ob der Platz noch frei sei, nicht ob man sich setzen dürfe.
„Laden Sie mich zu einem Bier ein?“
Diese Frage verhalf meiner Irritation nicht dazu, sich zu legen, im Gegenteil. So etwas fragt man nicht. Zumindest nicht einen vierzigjährigen Vizedirektor der Kantonalbank. Vielleicht ist das so bei den Jugendlichen üblich, wenn sie am Wochenende in irgendwelchen Lokalen rumhängen. Doch weder die Frau noch ich waren jugendlich und Wochenende war auch nicht. Hatte ich genickt? Ich weiss es nicht, sie bedankte sich jedenfalls mit einem betörenden Lächeln und bestellte ein Bier.

Ich hätte nun einfach bezahlen und mich verabschieden können. Aus mir heute unerfindlichen Gründen tat ich es nicht. Ich blieb sitzen. Sie prostete mir zu und trank das Glas in einem Zug leer. Während sie den Schaum von ihren Lippen wischte, sah sie mich mit ihren ozeanblauen Augen an. Ich wurde verlegen. Das war schon seit Jahren nicht mehr vorgekommen. Das letzte Mal muss in den Teenagerjahren gewesen sein. Damals, als das Leben auch eine abenteuerlichere Richtung hätte einschlagen können. Und nun sass ich hier mit einer fremden Frau und fühlte mich wie der schüchterne Teenager, der ich einmal war. Der Pegel des Teenagerempfindens stieg weiter an, als ich ihr Bein an meinem spürte.

Was war es, dass mich in die Vergangenheit zurückwarf, das mich unfähig machte, zu handeln? Ich war es gewohnt, Entscheidungen zu fällen und aktiv zu sein. Normalerweise hatte ich keine Probleme damit, Menschen abzuweisen. Und nun war es, als ob alles versagte, was sonst funktionierte. Ohne Zweifel, die Frau war attraktiv. Obwohl sie schon in meinem Alter sein musste, strahlte sie jugendliche Anmut aus. Doch ich sehe täglich schöne Frauen, ohne die Kontrolle zu verlieren.

„Würden Sie mich nach Hause begleiten?“
Ich wollte verneinen, hörte aber meine Stimme sagen:
„Ja, kann ich machen.“
Was war nur in mich gefahren?
„Ich fürchte mich vor meinem Freund. Also eigentlich ist es mein Ex-Freund. Ich habe Schluss gemacht und nun habe ich Angst, dass er auftauchen und in meiner Wohnung auf mich warten könnte. Er hat noch einen Schlüssel und ich konnte das Schloss noch nicht auswechseln lassen.“
Wie ein Wasserfall sprudelten die Worte aus ihrem rot geschminkten Mund. Sie teilte der Bedienung mit, ich wolle bezahlen, worauf ich ohne zu überlegen mein Portemonnaie aus der Tasche zog und die Rechnung beglich.
„Ich wohne nicht weit von hier, an der Plänkestrasse“, erklärte sie, während sie sich erhob. Gemeinsam machten wir uns auf den Weg.

Ihre Wohnung war einfach eingerichtet. Sie bat mich, im Wohnzimmer Platz zu nehmen. Wie ferngesteuert kam ich ihrer Bitte nach. Sie wolle sich in allen Zimmern nach ihrem Typen umsehen. Es dauerte nicht lange bis sie wieder ins Wohnzimmer trat.
„Alles klar, er ist nicht da.“ Ich wollte mich schon erheben und verabschieden, als sie zwei Gläser mit Rotwein füllte. Sie streckte mir eines der Gläser hin. Wie von selbst nahm meine rechte Hand ihr das Glas ab.
„Als kleines Dankeschön“, sprach sie erklärend und sagte, während sie die beiden Gläser zart klingen liess:
„Ich bin Diana.“
Mein Atem setzte kurz aus. Diana, das war der Vorname meiner Tochter. Erst als sie mich erwartungsvoll ansah, merkte ich, dass ich mich wohl auch vorstellen sollte.
„Martin, freut mich.“
Ob es mich wirklich freute, kann ich nicht sagen. Da war immer noch dieses, mir sonst fremde, Teenagerkribbeln. Gleichzeitig wäre ich aber am liebsten zu Hause gewesen. Es war schon bald halb acht. Monica würde mich fragen, weshalb ich später nach Hause kam. Je später ich kam, umso schwieriger würde es sein, eine befriedigende Ausrede zu finden.

Wie es genau dazu kam, weiss ich nicht mehr, doch plötzlich befand sich der Inhalt von Dianas Glas auf meinem Hemd.
„Oh, sorry, sorry, sorry“, entschuldigte sie sich.
Ihr dreifaches Sorry sollte wohl beweisen, dass es ihr wirklich leid tat. Im Nachhinein ist mir klar, dass ich spätestens jetzt hätte merken sollen, dass etwas nicht stimmte.
„Gib mir dein Hemd. Wenn ich es gleich mit Flüssigwaschmittel behandle, kriege ich es wieder sauber.“
Da mir selber keine Alternative zu ihrem Vorschlag einfiel, öffnete ich die Knöpfe und entledigte mich meines Hemdes. Nachdem ich es ihr übergeben hatte, blieb sie stehen und streckte ihre andere Hand aus. Erst jetzt sah ich, dass der Rotwein bis zu meinem Unterleibchen durchgedrungen war. Ich zog es aus und gab es ihr. Sie verschwand.

Die Vorhersehbarkeit und Überraschungslosigkeit meines Lebens waren mit einem Schlag zu Ende. Ich sass oben ohne in der Wohnung einer fremden Frau und überlegte, was ich zu Hause für eine Erklärung abgeben sollte. Es würde noch eine Weile dauern, bis ich hier fortkam. Ich kam nie zu spät heim. Es gab manchmal berufliche Termine, die bis in den Abend dauerten. Doch die waren immer im Voraus bekannt, so dass ich Monica entsprechend informieren konnte. Und nun warteten meine Frau und zwei Kinder auf mich, während ich halbnackt in der Wohnung einer attraktiven Frau an der Plänkestrasse sass. Ich hätte anrufen können oder eine SMS schreiben, während die blonde Diana mein Hemd und mein Unterhemd wusch. Doch ich hatte keine Idee, was ich für eine Erklärung abgeben sollte. Also liess ich es bleiben. Diana erschien – ohne die gewaschenen Kleider.

„Ich habe sie zum Trocknen aufgehängt“, sagte sie, trat auf mich zu und setzte sich rittlings auf meinen Schoss. Bevor mein Hirn fähig war, die Situation zu analysieren, öffnete sie ihre Bluse, unter welcher keine weiteren Kleidungsstücke mehr zum Vorschein kamen. Ich war unfähig, mich in irgendeiner Form zu wehren. Einzig in meiner Hose regte sich etwas.

Wenn ich heute daran zurück denke, verstehe ich mich selbst nicht. Weshalb habe ich mich damals nicht gewehrt? Weshalb habe ich mich so einfach verführen lassen? Ich habe in all den Jahren meine Frau nie betrogen. Bis zu diesem Abend an der Plänkestrasse.

Monica war zum Glück nicht misstrauisch, als ich spät nach Hause kam. Die Ausrede mit der kurzfristig anberaumten Sitzung schluckte sie problemlos. Sie fragte nicht einmal, weshalb ich nicht angerufen hatte.

Die nächsten Tage und Wochen verliefen dann wieder gewohnt überraschungsfrei und berechenbar. Der Abend an der Plänkestrasse war in weite Ferne gerückt. Bis sie an einem Samstag wieder auftauchte. Ich wollte gerade zum Grosseinkauf aufbrechen, der jeden Samstag zu meinen Aufgaben gehörte, als ich sie an der Strasse vor unserem Haus stehen sah. Woher kannte sie meine Adresse? Erst tat ich so, als sähe ich sie nicht. Ich öffnete die Garage, fuhr den Wagen raus, liess ihn mit laufendem Motor stehen, während ich das Garagentor wieder schloss. Sie sass auf dem Beifahrersitz, als ich mich wieder in meinen Audi setzte.
„Ich hatte Sehnsucht nach dir“, hauchte sie.
Ihre linke Hand streichelte über mein Bein und kam meinem Genitalbereich bedenklich nahe. Da ich nicht von Familienmitgliedern oder Nachbarn mit einer blonden Beifahrerin gesehen werden wollte, fuhr ich los.
„Was willst du?“ fragte ich, mehr aus Unbeholfenheit als aus wirklichem Interesse.
„Dich.“
Ihre Antwort kam schnell und bestimmt. Ich hatte Mühe, mich auf den Verkehr zu konzentrieren. Viele Gedanken schossen durch meinen Kopf. Alle drehten sich um die Frage, wie sie das wohl meinte. Sie beantwortete die Frage, ohne dass ich sie dazu auffordern musste:
„Verlass deine Frau und komm zu mir.“
„Hör mal, das geht nicht so einfach“, versuchte ich mich aus der unangenehmen Situation zu befreien.
„Ich liebe meine Frau und meine Kinder. Ausserdem habe ich einen Job, der mich voll beansprucht. Und ich bin ein Langweiler.“
Mein letztes Argument überraschte mich selbst. In diesem Moment wurde mir selbst bewusst, wie langweilig mein Leben war. Beinahe hätte ich das rote Licht der Ampel übersehen. Ich schaffte es knapp, den Wagen zum Stehen zu bringen.
„Ich will dich und ich werde dich kriegen.“
Ihre Stimme klang nicht mehr mild, eher drohend. Sie verliess den Wagen an der Kreuzung und liess mich mit ihrer Drohung alleine zurück. Ich hörte Hupgeräusche, die mich darauf aufmerksam machten, dass mittlerweile wieder grün war.

Als ich nach dem Einkauf zu Hause eintraf, erwartete mich Monica mit einer erschreckenden Nachricht:
„Eine Frau Rot hat angerufen. Sie lässt dir ausrichten, du sollst dir keine Sorgen machen, sie werde es schaffen.“
Ich hatte nicht den geringsten Zweifel, das war Diana. Diese Hexe.
„Wer ist das?“ wollte Monica wissen.
„Ach, jemand von der Bank. Sie hat einen wichtigen Auftrag“, log ich meine Frau an.
Diese schüttelte kommentarlos den Kopf – glaubte sie mir nicht? – und ging in die Küche, um die Einkäufe zu verstauen. Es war ein ungeschriebenes Gesetz, dass ich zwar für den Samstagseinkauf zuständig war, Monica aber das Einräumen zu übernehmen hatte.

Normalerweise wäre jetzt die Zeit dafür gewesen, mich in den Sessel zu setzen und die Zeitung zu lesen. Doch ich war zu unruhig. Ich schaffte es nicht, es mir bequem zu machen und schon gar nicht, mich auf die Zeitung zu konzentrieren. Unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen, ging ich im Wohnzimmer auf und ab.

Wieder dauerte es einige Tage, bis Diana wieder auf der Bühne meines Lebens erschien. Es war ein Freitag. Ich kam von der Arbeit nach Hause, müde und erschöpft, in Stimmung für einen TV-Abend. Flimmerkiste einschalten, irgendetwas Belangloses sehen, herunterfahren. Als ich die Wohnung betrat, wurde mir ziemlich schnell klar, dass nichts aus meinen Plänen werden würde. Im Wohnzimmer sassen Monica und Diana, beide eine Tasse Kaffee vor sich. Was ging hier vor? Monica begrüsste mich mit einem Kuss auf den Mund – wie wenn nichts wäre. Dann stellte sie die andere Frau vor:
„Das ist Diana, ich habe sie heute in der Bibliothek kennengelernt.“
Diana schüttelte mir förmlich die Hand und begrüsste mich. Das Zwinkern ihres rechten Auges konnte Monica nicht wahrnehmen.
„Ich muss wieder los“, sprach sie und verabschiedete sich, nicht ohne sich bei Monica zu bedanken und mir erneut vielsagend zuzuzwinkern.
„Was wollte die hier?“ fragte ich meine Frau leicht genervt. Sie schaute mich überrascht an.
„Ich darf doch wohl noch eine Freundin einladen, oder?“
Sie verzog den Mund zu einem Schmollen und sich selbst in die Küche. Mir blieb das Blut in den Adern stocken. Freundin. Sie hatte Diana wirklich Freundin genannt. In diesem Moment signalisierte mein Handy, dass eine SMS eingegangen sei. Die Nachricht war von ihr. Sie musste meine Nummer von unserer Pinnwand haben, wo sie für das Kinderhütemädchen notiert war.

Monica besucht mich nächste Woche. Kommst du auch? Du weisst ja, wo ich wohne ; -) *k* D.

Ich antwortete nicht. Doch ich wusste, dass ich diese Frau stoppen musste. Ich wünschte mir mein vorhersehbares, langweiliges Leben zurück.

Am nächsten Tag fuhr ich nach dem Einkauf an die Plänkestrasse. Es dauerte nicht lange, bis sie an der Tür erschien, nachdem ich geklingelt hatte. Sie war mit einem aufreizenden, roten Negligé bekleidet.
„Ich habe dich erwartet“, sagte sie, drückte mir einen Kuss auf den Mund und liess mich eintreten.
Kaum war die Wohnungstür geschlossen, legte sie ihre linke Hand um meinen Nacken und fuhr mit ihrer rechten von meiner Brust langsam abwärts. Ich versuchte, sie von mir wegzuschieben.
„Ich muss mit dir reden. Bitte lass mich in Ruhe. Und meine Frau auch.“
Diana ging nicht darauf ein. Die dünnen, roten Träger fielen über ihre Schulten und kurz darauf das Negligé zu Boden. Die Frau, mit der ich vor einem Monat im Bett war, stand nackt vor mir. In mir begann es zu kochen. Nein, nicht noch einmal. Obwohl mein Körper wieder auf die Provokation ihrer Reize reagierte, wendete ich mich ab und wollte die Wohnung verlassen.
„Wenn du nicht willst, werde ich mein Anliegen halt mit Monica besprechen. Sie scheint eine vernünftige Frau zu sein.“
Was nun geschah, hätte ich nie für möglich gehalten. Ich war rasend, hatte mich nicht mehr im Griff. Energisch ging ich auf die nackte Frau zu, hielt sie an den Oberarmen fest und schüttelte sie. Ich schrie so laut, wie ich bis dahin wohl nie geschrien hatte:
„Du wirst überhaupt nichts, hörst du. Du hast kein Recht, mein Leben zu zerstören.“
Die Art, wie sie mich anlächelte, steigerte meine Wut noch mehr. Ich stiess sie weg, sie fiel und schlug den Kopf am Salontisch auf.

Nun sitze ich in meiner Zelle des Bieler Regionalgefängnisses, seit zwei Tagen in U-Haft. Egal, wie das Urteil ausfallen wird, von meinem Job kann ich mich verabschieden, von meiner Familie auch.

In dem Moment, in dem Diana tödlich stürzte, öffnete sich die Tür. Monica trat ein. Ich nahm sie erst wahr, als sie weinend meinen Namen nannte. Das Blut war aus ihrem Gesicht gewichen. Unbeweglich mit aufgerissenen Augen und offenem Mund stand sie da. Ihr Blick wanderte von mir zur nackten Diana, deren Kopf in ihrem Blut lag, und wieder zurück zu mir. Diana hatte sie vor meinem Auftauchen angerufen und gefragt, ob sie vorbei käme. Sie habe eine Überraschung. Monicas Neugier war geweckt worden. Als sie dann vor der Wohnung mein Geschrei hörte, trat sie ein, ohne zu klingeln. Erklärungen und Entschuldigungen wollte sie nicht von mir hören. Bis heute nicht. Kurz darauf erschien die Polizei, von Nachbarn alarmiert. Ich wurde abgeführt.

Ich hätte mich nicht auf Diana einlassen sollen.

(Diese Kurzgeschichte aus meinem Buch „Herr Rusterholz mag keine Zwiebeln“ ist frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen ist rein zufällig.)

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